Rolex Grand Slam of Show Jumping

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„Hello Sanctos“ hebt ab!

Flughafen Lüttich, halb fünf Uhr morgens. Ein Pferdetransporter, niederländisches Kennzeichen, rollt vor die Sicherheitsschranke des Cargo-Bereichs. Auf einem der größten Luftfracht-Umschlagplätze Europas herrscht Nacht. Schwarzer Parkplatz, nur hier und da eine Laterne. 
Eine Stunde später stehen die LKW kreuz und quer. Motorengeräusche. Scheinwerferlicht. Gabelstapler fahren hin und her. Stimmengewirr. Menschen mit Pferdepässen. Menschen mit Wasserkanistern. Menschen mit Heunetzen. Wiehern. Schnauben. Tritte gegen Boxenwände.
 „Jetzt wirkt das alles wie ein großes Durcheinander. Aber wenn wir erst einmal mit dem Einladen loslegen, läuft das wie am Schnürchen“, verspricht ein Mann in akzentfreiem Englisch und gelber Sicherheitsweste. Letztere zeichnet ihn als Teil des Flughafen-Teams aus. Ersteres unterscheidet Jon Garner wiederum von den meisten seiner Kollegen vor Ort, denn anders als sie ist er kein Belgier. Der Turniermanager von Spruce Meadows ist eigens aus Calgary angereist, um 67 Pferde aus acht Nationen an diesem Nachmittag in seine Heimat einfliegen zu lassen. Zum renommierten Spruce Meadows ‚Masters‘ – der zweiten Jahresetappe des Rolex Grand Slam of Show Jumping.
Unter ihnen ist „Hello Sanctos“, jenes Ausnahmepferd, das am kommenden Sonntag seinen Reiter zur Legende machen kann: Nachdem der Brite Scott Brash bereits zwei Major-Turniere in Folge gewinnen konnte, fehlt ihm nur noch der Sieg in Spruce Meadows, um als erster Reiter überhaupt den Rolex Grand Slam of Show Jumping zu gewinnen.
Von all der Aufregung um diese einzigartige Chance ist „Sanctos“ jedoch nichts anzusehen. Er ist als eines der letzten Pferde erst um zwanzig vor acht am Flughafen angekommen, kaut genüsslich an seinem Heu, schaut dabei aus dem Fenster des Transporters, während auf dem Parkplatz allmählich wieder Ruhe einkehrt. Das Equipment ist verstaut, der Sprengstoffhund hat die Paletten untersucht, die Papiere sind geprüft: Alles ist bereit zum Verladen der Pferde in die Boeing 747.
26 Cargo-Boxen mit Trennwänden stehen dafür zur Verfügung. „Sanctos“ teilt sich seine mit Stallkamerad „Forever“. Die beiden Wallache fliegen nur zu zweit in einer Box – „Business Class“ mit mehr Beinfreiheit. Ein Luxus, den rund ein Drittel der Pferde in Anspruch nimmt. Die übrigen reisen zu dritt in einer Box. „Das hängt davon ab, wie der Besitzer es bucht und wie gut sich die Pferde untereinander vertragen. Grundsätzlich versuchen wir, Pferde aus demselben Stall zusammen in einer Box unterzubringen. Aber Hengst neben Stute geht natürlich nicht und bei zwei Hengsten lassen wir meistens die Mittelbox frei“, erklärt Jon Garner das System seines Ladeplans, der soeben, pünktlich um 8 Uhr, mit dem ersten Pferdepaar in die Tat umgesetzt wird.
Zwei Hengste aus den Niederlanden stapfen die Laderampe hinauf in Box Nummer eins. Von der Rückseite führen sie die Pfleger hinein in das Abteil und binden sie vorne fest. Hinter ihnen schießt das Flughafen-Team die Schwenktüren. Jon Garner packt selbst mit an, hilft bei jedem Pferd mit geübten Handgriffen.
Stehen alle Pferde in der Box, versorgen die Pfleger sie über die Seitentüren an der Front mit Futter und Wasser für den Flug. Heu, Müsli, die ein oder andere Karotte. Noch eine Streicheleinheit. Dann heißt es auch schon Abschied nehmen. Für die Pferde geht es mit der Hebebühne ins Flugzeug, für die Pfleger erst einmal wieder zurück nach Hause. Lediglich drei von ihnen dürfen zusammen mit Jon Garner, einem weiteren Spruce Meadows-Mitarbeiter und einem Tierarzt den Flug nach Calgary begleiten. Hannah Colman, die Pflegerin von „Sanctos“, zählt dazu: „Ich freue mich sehr, dass ich mit ihm fliegen darf. Eigentlich machen ihm Reisen nichts aus, egal ob im LKW oder im Flugzeug. Aber ich habe schon ein besseres Gefühl, wenn ich die ganze Zeit in seiner Nähe sein kann.“ Scott Brash wird erst zwei Tage später nach Calgary fliegen. Bis zu seiner Ankunft bereitet Hannah „Sanctos“ auf die große Herausforderung vor. „Wir sind etwas nervös, weil sich Scott und ‚Sanctos‘ ja erst einmal für den Großen Preis am Sonntag qualifizieren müssen. Aber ‚Sanctos‘ ist gut drauf“, sagt sie mit einem Blick auf ihren Schützling, der sich immer noch ausgiebig mit seinem Frühstück beschäftigt. Die Zeit dazu hat er, für ihn steht erst um 11 Uhr das Boarding an.
Um fünf vor elf holt Hannah „Sanctos“ aus dem Transporter und alles geht ganz fix: Eine halbe Stunde später steht er schon neben „Forever“ in seiner Box im Flugzeug. Reihe neun, links. Zwei Cargo-Boxen pro Reihe lassen der Crew an den Außenseiten des Frachtraums nur eine Armlänge Platz, um sich von Pferd zu Pferd zu drängen. „Sanctos“ scheint weder das laute Dröhnen des Flugzeugs, noch die Enge zu stören. Auch als die nächste Box mit einem Ruck an seine andockt, knabbert er weiter an seinem Heu, tunkt es hin und wieder in den Wassereimer.
Um 12 Uhr macht Jon Garner schließlich die Tore der 26. Cargo-Box zu. Er wischt sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Eine kurze Atempause, bevor er im Flugzeug nach dem Rechten sieht. Alles wird noch einmal geprüft: Der Zustand der Pferde, die Boxen, die Equipment-Paletten, die Papiere. Gründlichkeit braucht seine Zeit. Und deshalb ist es 14 Uhr, als Jon Garner noch ein letztes Mal aus dem Flugzeug kommt. In seiner Hand die gelbe Sicherheitsweste. Alles ist in Ordnung. Alle sind zum Abflug bereit. Die Weste kann zurück an die Kollegen aus Belgien. Mit einer Umarmung verabschiedet er sich auf der Treppe von jedem einzelnen. Dann geht Jon Garner zurück ins Flugzeug. Zurück zu seinen 67 Schützlingen. Gemeinsam mit ihnen zurück in seine Heimat, zurück zu seinem Turnier. Ein Turnier, bei dem einer dieser Schützlinge am Sonntag Sportgeschichte schreiben kann.

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