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Steve Guerdat und seine Geschichte

(Mit freundlicher Genehmigung der Aachener Zeitung.Von Marlon Gego)

Vom Glück, die Chance seines Lebens zu verpassen 

Wunderkind, Arbeitsloser, Olympiasieger: Steve Guerdat musste trotz außergewöhnlichen Talents hart kämpfen, um sich den Traum vom Olympiasieg zu erfüllen.

Aachen. Man sieht Steve Guerdat seine Geschichte nicht an, sie steht ihm nicht ins Gesicht geschrieben, vielleicht weil er noch jung ist, erst 32. Manche kennen seine Geschichte, aber nicht mehr alle erinnern sich an sie. Die Menschen erinnern sich lieber an die schönen Momente, an die von Guerdats Olympiasieg 2012 zum Beispiel, auch im Reiten zählt am Ende der Erfolg mehr als der Weg, der zum Erfolg geführt hat. Dabei ist es erst acht Jahre her, dass Steve Guerdat die Chance seines Lebens in den Wind schoss und vom Wunderkind zum Arbeitslosen wurde. Und dann zum Olympiasieger.

Guerdat kommt aus Bassecourt im Nordwesten der Schweiz, er wuchs mit seiner Familie auf dem Hof des Großvaters auf, der Pferdehändler war. Der Vater, Philippe, war selbst Springreiter, 1985 war er mal Vize-Europameister. Guter Reiter, aber nicht halb so talentiert wie Steve, sein Sohn. Steves Leben verlief einigermaßen vorhersehbar, früh zeigte sich, dass Steve es im Pferdesport weit bringen könnte. Als er in der elften Klasse die Schule abbrach, um Profireiter zu werden, war das für den Vater in Ordnung, für die Mutter nicht. Philippe Guerdat vertraute darauf, dass Steves Talent ausreichen würde, um irgendwie vom Reiten leben zu können. Seine Zeit als Juniorenreiter war dann so erfolgreich, dass er 2003 vom Niederländer Jan Tops unter Vertrag genommen wurde, einem der bedeutendsten Pferdehändler Europas.

Im Gegensatz zu einigen seiner Konkurrenten ist Steve Guerdat nicht von Hause aus vermögend, er ist auf Menschen angewiesen, die ihm Pferde zur Verfügung stellen, auf denen er konkurrenzfähig ist. Der beste Reiter ist nichts ohne gutes Pferd, und wenn man Olympiasieger werden will, braucht man ein Pferd, das mindestens eine hohe sechsstellige Summe kostet, oft sogar mehr.

Der Preis für seinen Idealismus

Bei Jan Tops hatte Guerdat nun zwar hervorragende Pferde, aber immer nur solange, bis Tops Käufer fand, die die richtige Summe für diese Pferde zu zahlen bereit waren. War das eine Pferd verkauft, bekam Guerdat das nächste, mit dem er wieder von vorn anfing. Selbst die besten Pferde und die besten Reiter brauchen eine Weile, ehe sie sich aneinander gewöhnt haben. Aber Guerdat hatte mittlerweile einen Namen, er wollte mehr, er wollte vor allem kontinuierlich mit seinen Pferden arbeiten können ohne fürchten zu müssen, dass sie am nächsten Tag verkauft sind. Anfang 2006 kündigte er.

In den meisten Lebensläufen gibt es Brüche, manchmal sind es private Schicksalsschläge oder ungewöhnliche berufliche Entscheidungen. Die meisten Auf- oder Abstiege erklären sich aus solchen Brüchen, und bei Steve Guerdat ist es nicht anders.

Als er bei Tops gekündigt hatte, erhielt er das Angebot, für den ukrainischen Ölmilliardär Oleksandr Onischtschenko zu reiten, der gerade eine Reitmannschaft aufbaute. Geld spielte nicht so die Rolle, Onischtschenko überwies Guerdat das Gehalt für vier Jahre im Voraus, überdies sagte der Unternehmer zu, die besten Pferde für Guerdat kaufen zu wollen. Einzige Bedingung: Guerdat sollte, wie die anderen Teammitglieder auch, Ukrainer werden, mindestens bis nach Olympia 2012.

Guerdat stimmte zögerlich zu, die Dinge nahmen ihren Lauf: Dienstwohnung in Lüttich, Dienstwagen, großes Gehalt, finanzielle Unabhängigkeit. Für Guerdat, 23 Jahre alt, die Chance seines Lebens.

Im Mai 2006 sollte dann beim Reitturnier in La Baule in Frankreich der Vertrag unterschrieben werden, montags gab Guerdat seinen Schweizer Pass ab, mittwochs war Vertragsunterzeichnung. Als Guerdat sich hingesetzt und den Stift in die Hand genommen hatte, hielt er inne und sagte: „Ich unterschreibe nicht.“

Diese Situation damals ist nicht Guerdats Lieblingsthema, er gehört zu den Menschen, die lieber nach vorn schauen als zurück. Aber am Dienstagabend spricht er beim Aachener CHIO doch noch mal darüber. Er sei ein impulsiver Typ, sagt Guerdat, er habe diesen Vertrag einfach nicht unterschreiben können, es habe sich „nicht richtig angefühlt“. Vor der geplanten Vertragsunterzeichnung habe der deutsche Olympiasieger Ludger Beerbaum bei ihm angerufen, sagt Guerdat, der Inhalt des Gesprächs „bleibt unter uns“. Aber: „Ich bin ihm bis heute dankbar.“

Die Verweigerung der Unterschrift war natürlich ein Affront gegen den Milliardär aus der Ukraine. Noch am selben Tag waren Dienstwagen und Dienstwohnung weg, das bereits überwiesene Gehalt für vier Jahre, Gerüchten zufolge ein siebenstelliger Betrag, musste Guerdat umgehend zurücküberweisen. Er stand mit nicht viel mehr als seiner Kleidung, die er trug, auf dem Turnierplatz in La Baule, vor allem hatte er von einer Minute auf die andere keine Pferde mehr. Der Bruder kam und holte ihn in Frankreich ab.

Einige Monate lang passierte erst mal nichts, Guerdat verpasste die Weltmeisterschaft 2006 in Aachen. Philippe Guerdat, der Vater, sagt: „In den Zeitungen liest sich diese Geschichte immer so schön, weil ja alles gut gegangen ist. Aber glauben Sie mir, Steve hatte eine verdammt schwere Zeit damals.“ Der Preis für seinen Idealismus?

Wenn man Menschen sucht, die Guerdats Entwicklung über längere Zeit aus der Nähe verfolgt haben, stößt man schnell auf Rolf Grass. Grass war zwischen 2002 und 2010 Equipechef der Schweiz, der Nationaltrainer der Springreiter. Um zu verdeutlichen, wer Steve Guerdat ist und was ihn antreibt, erzählt Grass die folgende Anekdote: 2008, Olympische Spiele in Peking, die Schweizer Reiter reisten früh an, um an der Eröffnungsfeier teilnehmen zu können. Grass hatte gute Verbindungen nach Peking, für seine Mannschaft organisierte er eine Stadtrundfahrt, die Reiter sollten sehen, wo sie sind. Kurz bevor es losgehen sollte, kam es laut Grass zu diesem Dialog:

Steve Guerdat: „Muss ich an dieser Stadtrundfahrt teilnehmen?“

Grass: „Ja.“

Guerdat: „Man merkt, dass Du keine Ahnung vom Reiten hast.“

Grass: „Das kann sein, aber Du hast von nichts anderem Ahnung als vom Reiten.“

Guerdat ging ohne weitere Worte auf sein Zimmer und überlegte eine Weile. Dann zog er sich um und kam mit.

„Steve beschäftigt sich minutiös mit dem Reiten, er macht sich über jeden Schritt Gedanken, alles ist geplant, er ist total überzeugt von dem, was er sich überlegt hat“, sagt Grass. Stadtrundfahrten kommen in Guerdats Überlegungen selten vor. „Er kann nicht gut über seinen Schatten springen, er will nie umdisponieren.“ Schwäche und Stärke zugleich.

Nach der geplatzten Vertragsunterzeichnung hatte Guerdat Glück. Man kann andererseits sagen: Guerdat hat seinem Glück durch seine Unterschriftsverweigerung entscheidend auf die Sprünge geholfen. Vater Philippe stellte den Kontakt zu einem alten Freund her, Yves Piaget, ein Schweizer Uhrenhersteller. Piaget kaufte Jalisca Solier, mit der Guerdat sich für Olympia 2008 qualifizierte. Der frühere Zürcher Polospieler Urs Schwarzenbach stellte Guerdat seinen Hof in Herrliberg oberhalb des Zürichsees zur Verfügung, seit 2007 ist Guerdat selbstständig und beschäftigt ein kleines Team von Helfern. Der Olympiasieg kam zwar nicht zwangsläufig, aber er war das Ergebnis akribischer Planung, nicht enden wollenden Trainings und einem Willen, der Ölmilliardäre versetzt.

Rolf Grass sagt: „Es gibt nur sehr wenige, die das Zeug dazu haben, Olympiasieger zu werden, bei denen Talent, Fleiß und gute Pferde zusammenkommen.“

Ist es ihm nun egal oder nicht?

Sätze wie diese sagen sich leichter, als sie in die Tat umzusetzen sind, und niemand weiß das besser als Guerdat. Es gibt nur wenige Sportler, die ähnlich hohe Ansprüche an sich selbst stellen wie Guerdat, macht er in einem wichtigen Springen einen Fehler, „kommt er manchmal stundenlang nicht aus dem Stall heraus, er kann dann nur mit sich sein“. Sagt Thomas Fuchs, früherer Schweizer Weltklassereiter und seit 2007 Guerdats Trainer. Fuchs findet, er könne Guerdat nicht mehr viel beibringen, aber er versuche immer wieder, ihn daran zu erinnern, dass es noch „etwas anderes als Titel und Medaillen gibt“. Fuchs sagt: „Wenn er eines noch lernen kann, dann lockerer zu werden.“ Mit ihm auch daran zu arbeiten, „ist meine Hauptaufgabe, oder?“, sagt Fuchs und lacht. Wenn einer locker ist, dann Fuchs.

Steve Guerdat ist neben Roger Federer der populärster Sportler der Schweiz, auch einer der erfolgreichsten. Und wie die meisten populären Menschen hat Guerdat nicht ausschließlich Freunde. Einerseits ist er selbstbewusst genug, sich nicht dafür zu interessieren, ob andere es richtig finden, wie er trainiert und wo er reitet. Andererseits beginnt er schon mal einen Streit mit Journalisten, wenn er meint, in einem Artikel nicht gut weggekommen zu sein. Was die Öffentlichkeit über den Reiter Guerdat denkt, ist ihm egal, die Erfolge sprechen ohnehin für ihn. Was die Öffentlichkeit über den Menschen Guerdat denkt, ist ihm weit weniger egal. Weshalb er niemand ist, der sich um Öffentlichkeitstermine reißt. Am liebsten ist es ihm, der Mensch wird öffentlich kaum sichtbar.

Guerdat ist kein Sunnyboy, er ist Reiter, und als solcher hat er den Respekt vieler seiner Kollegen. Als er nach seinem Olympiasieg am 7. August 2012 auf einem Holzzaun neben dem Turnierplatz saß, ein bisschen abseits und mit den Emotionen kämpfend, kam die US-Springreiterin Laura Kraut auf Guerdat zu und sagte: „Wenn einer es verdient hat, Olympiasieger zu werden, dann Du.“ Kraut, das muss man wissen, ist die Freundin des englischen Springreiters Nick Skelton, den Guerdat Minuten vorher knapp geschlagen hatte.

Eine Anekdote noch, Peter Jegen erzählt sie, Sportredakteur bei der „Neuen Zürcher Zeitung“. Es klinge zwar kitschig, sagt Jegen, aber Guerdat sei ein wirklicher Pferdefreund. Nichts sei ihm wichtiger als seine Pferde, als das Reiten, und dafür gebe es mehr Belege als die Beteuerungen Guerdats. Ende 2012, sagt Jegen, verzichtete Guerdat auf einen Start beim Finale der hoch dotierten Global-Champions-Tour in Abu Dabi. Obwohl Guerdat es sich kaum leisten kann, auf hohe Preisgelder zu verzichten, entspreche „das mit viel Geld lancierte Turnier nicht seinem Pferdesportverständnis“. Guerdat habe einfach keine Lust auf Reitturniere ohne Tradition und ohne Identifikation mit dem Pferd. Sein im Moment bestes Pferd, Nino de Buissonnetts, lässt Guerdat auf zehn oder elf Turnieren pro Jahr starten, er gehört nicht zu denen, die mit guten Pferden maximal viel Geld in minimal kurzer Zeit verdienen wollen.

„Das Preisgeld und das Geld von den Sponsoren brauche ich eigentlich nur, um meine Angestellten bezahlen und meinen Betrieb am laufen halten zu können“, sagt Guerdat. Was erheblich entbehrungsreicher ist, als sich jahrelang von einem ukrainischen Ölmilliardär alimentieren zu lassen.

Man sieht Steve Guerdat seine Geschichte nicht an, sie steht ihm nicht ins Gesicht geschrieben, aber wenn man ihn länger anschaut und sich fragt, wie es sein, kann, dass ein so junger Mensch so ernst schauen kann, dann beginnt man zu begreifen, dass auch schöne Gesichter schwierige Geschichten erzählen können. Man muss nur etwas genauer hinschauen.

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