Felicia Wallin - Rolex Grand Slam/Helen Cruden
Sie waren beim zweiten Rolex-Major-Sieg von Richie und United [Touch S] dabei, diesmal beim The Dutch Masters. Wie würden Sie dieses Erlebnis beschreiben und wie viel Zuversicht hat es Richie im Hinblick auf seine Teilnahme als Live-Contender beim „TSCHIO“ 2026 verliehen?
FW: Unser zweites Major zu gewinnen, war ein tolles Gefühl und hat die Zuversicht des ganzen Teams gestärkt. United [Touch S] ist in den letzten Rolex Grand Slam-Majors fantastisch gesprungen, aber wir hatten das Pech, dass in Spruce Meadows und Genf jeweils eine Stange gefallen ist, obwohl es wirklich großartige Runden waren. Es war also ein ganz tolles Gefühl für uns alle, endlich diesen Sieg verbuchen zu können. Ich finde, United [Touch S] ist so gut gesprungen, wie er es schon lange tut. Er hat vor Kraft und Energie nur so gestrotzt und wir waren schon nach der ersten Runde super zufrieden. Es war einfach ein ganz tolles Gefühl. Natürlich bin ich dadurch im Hinblick auf Aachen jetzt noch aufgeregter, weil es unser Heimturnier ist und uns dort immer jede Menge Menschen anfeuern. Das setzt uns aber auch unter Druck und wir müssen jetzt konzentriert bleiben und dafür sorgen, dass United [Touch S] so zufrieden und fit ist, wie es nur geht. Wir geben unser Bestes, aber es ist sehr schwer, einen Grand Prix des Rolex Grand Slam zu gewinnen. Deshalb versuchen wir, unsere Erwartungen nicht zu hochzuschrauben und einfach auf unser Ziel hinzuarbeiten.
Sie und Richie haben sich zusammen von 2- bis 3*-Turnieren bis zum Sieg bei 5*-Turnieren hochgearbeitet. Wie hat sich Ihre Arbeitsbeziehung im Verlauf dieser gemeinsamen Reise entwickelt?
FW: Ich finde, es war eine ganz einzigartige Reise, und bin sehr stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Wir sind wirklich zusammen erwachsen geworden. Ich war erst 19, als ich angefangen habe, und Richie war 22 oder 23. Es hat natürlich viele tolle Augenblicke geben, aber es war nicht immer einfach. Wenn man so lange zusammenarbeitet und gemeinsam erwachsen wird, gibt es natürlich auch schon mal Unstimmigkeiten. Aber im Laufe der Jahre haben wir gelernt, wie der andere so tickt – wie wir kommunizieren, wie wir an Situationen herangehen und was wir beide brauchen. Inzwischen haben wir eine wirklich starke Verbindung, die auf Vertrauen basiert. Wir kennen uns unheimlich gut und das macht alles leichter. Eine solche Vertrauensbasis ist auf diesem Niveau enorm wichtig. Richie kann sich zu 100 Prozent auf mich verlassen, wenn ich zu Hause bei den Pferden bin, und auch ich muss nicht ständig Rücksprache mit ihm halten. Dieses gegenseitige Vertrauen gibt mir viel Selbstvertrauen bei meiner Arbeit.
Richie hat gesagt, dass er sich sehr auf Sie verlässt und dass Sie sogar manchmal das Training übernehmen. Wie teilen Sie die Verantwortungsbereiche zwischen Reiter und Pfleger im Alltag auf?
FW: Wir haben zu Hause ein ziemlich großes Team, darunter auch Pfleger und Reiter. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte und übernehme ein bisschen etwas von beidem. Als ich damals bei Richie angefangen habe, war ich ausschließlich Turnierpflegerin und bin überall mit ihm hingereist. Aber in den letzten Jahren hat sich das etwas verändert. Jetzt bleibe ich öfter zu Hause und reite für gewöhnlich zwischen drei und fünf Pferden am Tag, darunter auch United [Touch S]. Ich versuche immer, das Reiten auf morgens zu legen und mich am Nachmittag mehr auf meine Pflegetätigkeiten zu konzentrieren – die Versorgung der Pferde, die Stallverwaltung, den Papierkram, das Packen, die Pferde für Turniere zu scheren und so weiter. Diese Aufteilung ist relativ neu, funktioniert aber hervorragend. Dadurch wird mein Job noch vielseitiger, was mir wirklich gut gefällt. Ich glaube auch, dass es den Pferden zugutekommt. Bei mir werden sie etwas gymnastiziert und mein Augenmerk liegt darauf, dass sie fit, entspannt und zufrieden sind.
Sie sind Teil eines jungen, ambitionierten Teams. Was macht die Partnerschaft mit Richie Ihrer Meinung nach so effektiv auf Spitzenniveau?
FW: Ich glaube, es kommt vor allem auf Vertrauen an. Das ist auf diesem Niveau absolut unerlässlich. Richie kann sich komplett auf seinen Job konzentrieren, ohne sich darüber Sorgen zu machen, ob Abläufe eingehalten werden oder irgendetwas korrekt umgesetzt wird, und ich finde es gut zu wissen, dass es reicht, mein Bestes zu geben. Außerdem sind wir beide extrem ehrgeizig. Wir suchen immer nach Möglichkeiten, uns zu verbessern, und geben uns nie mit dem zufrieden, was wir erreicht haben. Dieser Drang, immer besser zu werden, ist ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs. Gleichzeitig ist es auch etwas, mit dem wir umzugehen lernen mussten. Wir beide pushen uns selbst – und einander – sehr, und als Perfektionist setzt man sich ziemlich unter Druck. Wir mussten lernen, uns nicht auch noch gegenseitig Druck zu machen.
Sie haben United Touch S als „einmalig“ und sogar als Freund bezeichnet. Was macht ihn für Sie so besonders im Vergleich zu anderen Pferden, mit denen Sie gearbeitet haben?
FW: Das liegt hauptsächlich daran, dass wir so viel Zeit miteinander verbracht haben. Ich kümmere mich jetzt schon seit fast fünf Jahren um ihn. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, lernt man einander in allen möglichen Situationen in- und auswendig kennen, ob nun zu Hause, auf Reisen oder bei Wettkämpfen. Aber er ist auch ein ganz besonderes Pferd. Er ist unglaublich intelligent und aufmerksam. Er weiß immer genau, was um ihn herum vor sich geht, und wenn er etwas nicht versteht, dann will er es unbedingt begreifen. In gewisser Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich. Ich weiß auch immer gerne, was vor sich geht und wie der Plan aussieht, und so ist es meine Aufgabe geworden, ihm zu helfen, das alles zu verstehen. Das hört sich vielleicht ein bisschen merkwürdig an, aber ich rede viel mit ihm. Auch wenn er die Worte nicht versteht, glaube ich, dass er die Energie und Emotionen versteht. Er hat ein sehr feines Gespür dafür, in welcher Stimmung und wie man an ihn herantritt. Vor großen Wettkämpfen rede ich oft mit ihm und erkläre ihm, was bevorsteht. Dadurch haben wir eine sehr starke Vertrauensbasis aufgebaut. Wenn er unsicher oder nervös ist, sucht er bei mir Halt. Auch er ist in schwierigen Zeiten für mich dagewesen und das macht ihn so unglaublich besonders für mich. Mir kommt es so vor, als würden wir uns sogar ohne Worte verstehen.
Bei Ihrer Arbeit streben Sie ein Gleichgewicht zwischen Training und „Spaßzeit“ für die Pferde an, z. B. Ausritte in den Wald. Wie wichtig ist dieser mentale Aspekt für eine konstante Leistung bei Spitzenpferden?
FW: Für mich ist das sogar der wahrscheinlich wichtigste Teil des Jobs – dafür zu sorgen, dass die Pferde so zufrieden wie nur möglich sind. Auf diesem Niveau haben Pferde einen enorm hohen Wert und man muss behutsam mit ihnen umgehen, aber es ist trotzdem unsere Aufgabe, sie – in sicherem Rahmen – Pferde sein zu lassen. Sie müssen ihre Instinkte nutzen dürfen – Dinge sehen und hören, sich frei bewegen und die Welt erleben dürfen. Wenn man ihnen das nimmt, nimmt man ihnen einen Teil dessen, was sie zu dem macht, wer sie sind. In den meisten Fällen erfüllt es ein Pferd nicht, den ganzen Tag nur im auf dem Platz zu arbeiten. Sie wollen draußen sein, mit anderen Pferden zusammen sein und Abwechslung von der Routine haben. Zufriedene Pferde sind diejenigen, die dann in der Arena dieses gewisse Bisschen mehr leisten. Ein unzufriedenes Pferd erbringt auch keine Spitzenleistung.
Sie haben den Sieg im Rolex Grand Prix beim CHI Genf 2023 als „einen Traum“ und einen emotionalen Augenblick beschrieben. Was von diesem Tag hinter den Kulissen ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?
FW: Ich weiß noch, dass ich vor der Prüfung unglaublich nervös war. Wir waren nach 18 Startern die ersten mit einer fehlerfreien Runde. Ein unglaubliches Gefühl. Im Stechen hatten wir dann einige sehr starke Konkurrenten. Wir sind als Erste gestartet und als Richie zurückkam, meinte er, er hätte getan, was er konnte. Ich weiß noch, dass ich erwidert habe, ich hoffe, dass es für einen Platz unter den ersten Drei reicht. Ziemlich witzig, wenn ich daran zurückdenke, denn dieses Stechen entpuppte sich dann als eins der spektakulärsten. Aber zu der Zeit haben wir uns noch als Außenseiter gesehen und nicht wirklich damit gerechnet. Direkt nach der Runde hatte ich Tränen in den Augen. Der Sieg hat sich wie ein unglaublich großer Erfolg angefühlt – er war eine Bestätigung all der Arbeit und Hingabe, die wir in all den Jahren hineingesteckt haben.
Wie sieht bei Majors wie dem The Dutch Masters, bei denen alle unter Druck stehen, Ihre Routine in den Stunden vor einer Grand Prix-Prüfung aus?
FW: Ich versuche immer, alles so normal wie möglich beizubehalten, damit die Pferde nicht noch zusätzlich unter Stress geraten. Für gewöhnlich fangen wir morgens mit einem leichtenSpaziergang an, dann reitet Richie sie meistens leicht, und dann bereite ich sie vor – ich flechte sie ein, versorge sie mit Massagedecken und Verneblern und stelle sicher, dass sie körperlich bereit sind. Das Wichtigste ist, Ruhe zu bewahren. Diese Pferde sind sehr sensibel und bekommen alles mit, deshalb versuche ich, sie nicht mit meiner Nervosität anzustecken. Wir befolgen ihre normale Routine – füttern, tränken und es ihnen bequem machen, damit sie entspannen können.
Sie haben die ganze Welt bereist und waren schon an Spitzenschauplätzen wie Aachen, Genf und Spruce Meadows. Was sind die größten Herausforderungen (und die schönsten Aspekte) im Leben einer Pflegerin im internationalen Springreitsport?
FW: Eine der größten Herausforderungen ist es, Zeit für sich zu finden. Man verbringt so viel Zeit damit, sich um die Pferde zu kümmern und andere zu unterstützen, dass man leicht seine eigenen Bedürfnisse vergessen kann. Für mich persönlich ist es auch eine Herausforderung, so weit weg von zu Hause zu sein, vor allem in schwierigen Zeiten wie beim Tod meines Bruders. Da war es sehr schwer für mich, so weit weg von meiner Familie zu sein. Aber gleichzeitig hat dieser Job auch wunderschöne Seiten. Ich habe die ganze Welt bereist, unglaubliche Menschen kennengelernt und Dinge erlebt, die ich sonst nie erlebt hätte. Es ist ein Job, der einem viel zurückgibt, vor allem, wenn man ihn mit Leidenschaft ausübt.
Was war der bisher herausragendste Moment Ihrer Karriere bei Richie?
FW: Das Rolex-Major in Genf zu gewinnen. Wir galten immer noch als Außenseiter und dieser Sieg war das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit und unseres unerschütterlichen Glaubens. Es fühlte sich wie ein echter Durchbruch an und hat die Weichen für alles gestellt, was danach kam.
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