Jacqueline Malone
Teil II
Was unterscheidet in einem Stechen oder einer Meisterschaftsrunde diejenigen Reiter, die unter Druck aufblühen, von denen, die damit zu kämpfen haben?
JM: Die Reiter, die dabei aufblühen, sind diejenigen, die sich nicht von der Situation überwältigen lassen.
Normalerweise sind es die Vorbereitung, die Referenzpunkte und die Fähigkeit, körperlich und mental ruhig zu bleiben, die den Unterschied ausmachen. Wenn man zum ersten Mal in einer großen Prüfung antritt, ist es ein Teil des Problems, dass man noch keinen Referenzpunkt dafür hat, wie sich so etwas anfühlt. Diese Ungewissheit kann einen sehr verunsichern. Deshalb nutzen Reiter, die sich gut vorbereiten, jede Möglichkeit, um diese Unsicherheit bereits im Voraus zu verringern.
Wenn es so weit ist, sind sie dann in der Lage, die Basics abrufen. Sie behalten genug Sauerstoff im Körper. Sie trinken genug. Sie kennen den Plan. Sie haben Routinen. Sie haben visualisiert. Und wenn sich etwas nicht ganz perfekt anfühlt, sind sie in der Lage, sich sehr schnell wieder zu sammeln.
Die Reiter, die unter Druck wirklich aufblühen, sind auch meistens die, die körperlich ruhig wirken. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ganz leicht zu sehen. Sie wirken gefasst. Sie wirken ruhig. Sie strahlen Gelassenheit aus. Manche sind von Natur aus so, aber wir wissen inzwischen durch die Neurowissenschaft und Sportpsychologie, dass man es sich auch antrainieren kann.
Und sie reiten nicht den jeweiligen Anlass – sondern sie reiten das Pferd, den Parcours und den Plan.
Selbstvertrauen ist ein so entscheidender Faktor beim Reiten. Wie können Reiter es nach einem Fehler oder einer Formkrise wieder zurückgewinnen?
JM: Selbstvertrauen ist einer der am stärksten nuancierten Aspekte, mit dem wir in diesem Sport zu tun haben, weil es keine eindimensionale Sache ist.
Der erste Schritt besteht darin zu verstehen, warum das Selbstvertrauen gesunken ist. Die Leute vermuten oft, dass ein Sturz, eine schlechte Runde oder ein enttäuschendes Ergebnis die Ursache sein muss – und manchmal stimmt das auch. Aber manchmal reicht es viel tiefer. Es kann an schlechtem Schlaf, Hormonen, Stress oder Reiseerschöpfung liegen, daran, dass man ein Baby bekommen hat oder auch einfach an den Belastungen des Alltags. Selbstvertrauen hat mit Geist UND Körper zu tun, und der physische Aspekt spielt auch eine Rolle.
Wenn man erst einmal die Ursache versteht, kann man wieder an den Grundlagen ansetzen. Die Höhe absenken. Die Komplexität verringern. Reitübungen absolvieren, von denen man weiß, dass man sie gut kann. Was man gut beherrscht, verleiht einem Selbstvertrauen. Erfolg erzeugt Selbstvertrauen. Es ist überhaupt keine Schande, wieder mit Bodenricks anzufangen, wenn das einem dabei hilft, seinen Rhythmus, sein Gefühl und sein Vertrauen wiederaufzubauen.
Außerdem ist es wichtig, sein Gehirn darauf zu trainieren, nach positiven Aspekten zu suchen. Reiter sind dafür berüchtigt, nach einer Runde aus dem Parcours zu reiten und sofort zu sagen: „An der Vier war ich echt mies“ oder „An der Sechs war ich zu tief“, selbst wenn nur eine einzige Stange in einer ansonsten sehr guten Runde gefallen ist. Das machen Reiter jeden Niveaus so. Wenn jedoch das Gehirn als Erstes immer danach sucht, was schiefgelaufen ist, trainiert man es bis zur Perfektion darauf, die negativen Dinge zu finden.
Wir sollten uns als Allererstes die Frage stellen: Was ist gut gelaufen? Was habe ich richtiggemacht? Das bedeutet nicht, dass man den Fehler ignoriert. Es bedeutet, dass man dem Positiven Vorrang gibt, damit das Gehirn beginnt, diese Dinge zuerst wahrzunehmen. Danach kann man den Fehler analysieren. Lag es an der Technik? Oder an den Umständen? Ist das Pferd etwas zu flach gesprungen? Hat das Tempo nicht ganz gestimmt? Lag es am Untergrund? War es die Position? Wenn man es vernünftig zerlegt, wird es zu einem lösbaren Problem anstelle einer vagen Angst, die man in sich trägt.
So baut man Selbstvertrauen neu auf. Nicht, indem man so tut, als wäre nichts passiert, sondern indem man sich verständlich macht, was passiert ist, sich gezielt damit auseinandersetzt und positive Erlebnisse in das System zurückführt.
Welchen direkten Einfluss hat die mentale Einstellung des Reiters auf das Pferd, vor allem in sehr angespannten Situationen?
JM: Das Pferd spürt viel mehr, als den meisten Reitern bewusst ist. Der eigene mentale Zustand überträgt sich direkt in den eigenen Körper – den Sitz, die Hände, die Atmung, den Muskeltonus, die Anspannung. Das Pferd spürt das alles. Wenn man verunsichert ist, verändert sich der Körper. Wenn man den Atem anhält, verändert sich der Körper. Wenn man angespannt, hektisch, panisch oder unsicher ist, spürt das Pferd das schon, bevor man überhaupt irgendetwas Offensichtliches getan hat.
Darum muss die Geisteshaltung in diesem Sport physisch metabolisiert werden, nicht bloß kognitiv. Man kann sich im Kopf all die richtigen Dinge vorsagen, aber wenn das Pferd die Anspannung und Unbeständigkeit im Körper des Reiters spürt, ist das die Botschaft, die ankommt.
Die besten Spitzenreiter besitzen eine Eigenschaft, die schwierig zu definieren, aber leicht zu erkennen ist. Sie wirken körperlich ruhig. Sie sehen gefasst, gelassen und entschlossen aus. Und das spielt eine enorm große Rolle, weil das Pferd auf diese Klarheit reagiert.
Der andere überaus wichtige Aspekt ist die Beziehung selbst. Die besten Reiter verbringen Zeit mit ihren Pferden. Man sieht sie in den Ställen. Man sieht sie bei den Pferden. Sie stehen dieser Partnerschaft nicht gleichgültig gegenüber. Diese Verbindung ist wichtig, denn schließlich wird die Leistung gemeinsam mit einem anderen Lebewesens erbracht und diese Beziehung ist ebenfalls Teil der Psychologie.
Können Sie uns ein paar der effektivsten Mentaltechniken nennen, die Reiter tagtäglich einsetzen, um ihren Fokus, ihre Beständigkeit und ihre Leistung zu verbessern?
JM: Visualisierung ist eine überaus wichtige Technik, sofern sie richtig und detailliert genug ausgeführt wird. Man darf sich nicht nur vage vorstellen, wie man eine fehlerfreie Runde absolviert, sondern muss sie wirklich Schritt für Schritt durchgehen, detailliert und ganz konkret. Darauf reagiert das Gehirn unglaublich stark.
Routinen sind ebenfalls wichtig – das Warm-up, die Herangehensweise, die Gewohnheiten vor dem eigentlichen Ritt, die Art und Weise, wie man alles strukturiert. Diese Routinen geben dem Gehirn etwas Beständiges, woran es sich unter Druck orientieren kann.
Sich neu sammeln zu können, ist eine weitere wichtige Fähigkeit. Nicht jedem ist das von Natur aus gegeben, aber es lässt sich trainieren. Man braucht einen Mechanismus, um in dem jeweiligen Augenblick alles andere beiseitezuschieben und sich zu sagen: „Damit beschäftige ich mich später, denn jetzt reite ich.“
Atmung und Sauerstoffmanagement sind ebenfalls viel wichtiger, als es den Menschen bewusst ist. Ich rede hier nicht von irgendwelchen vagen „Einfach atmen“-Ratschlägen. Ich rede von einem Verständnis dafür, was der eigene Körper braucht, um Leistung zu erbringen.
Und dann gibt es die alltäglichen Lebensgewohnheiten. Stärke und Kondition spielen eine Rolle. Im Reitsport hört man oft, dass den Leuten die Zeit dafür fehlt, aber so etwas lässt sich ganz leicht in den Alltag einbauen – Kniebeugen, während der Wasserkocher kocht, Balanceübungen beim Zähneputzen. Es muss nicht kompliziert sein.
Und zu guter Letzt ist der Fokus in der modernen Welt zu einer echten Herausforderung geworden. Wenn das Handy den ganzen Tag lang piepst, wird das Gehirn darauf trainiert, ständig seine Aufmerksamkeit hin- und herspringen zu lassen. Das macht es schwieriger, in der Arena fokussiert zu bleiben. Eins der besten praktischen Dinge, die Reiter tun können, ist es deshalb, diese Ablenkungen zu reduzieren – unnötige Benachrichtigungen ausschalten, sich mehr Raum schaffen, und neu zu erlernen, sich über längere Phasen zu konzentrieren.
Wenn wir uns die nächste Generation von Reitern und Reiterinnen ansehen, welche mentalen Fähigkeiten sollten Sie Ihrer Meinung nach mitbringen, um zukünftig Erfolg in diesem Sport zu haben?
JM: Fokus und Konzentration sind die wichtigsten Dinge. Junge Reiter wachsen in einer Welt auf, in der die Aufmerksamkeit ständig von einer Sache zur nächsten springt. Das hat Konsequenzen. Wenn das Gehirn den ganzen Tag lang darauf trainiert wird, ping, ping, ping von einer Sache zur nächsten zu springen, fällt es einem schwerer, in der Arena konzentriert zu bleiben, wenn es darauf ankommt.
In der Lage zu sein, sich zu fokussieren, mal stillzuhalten, sogar Langeweile ertragen und sein Handy weglegen zu können – das werden enorm wichtige Fähigkeiten sein.
Ein dickes Fell zu haben, ist ebenfalls wichtig, vor allem abseits des Pferdes. Die nächste Generation kommt aus einer Welt, in der sie in Echtzeit beobachtet, beurteilt und kommentiert wird. Die sozialen Medien gehören inzwischen zum Job dazu, ob es uns gefällt oder nicht, und die Reiter müssen in der Lage sein, all das über sich ergehen zu lassen, ohne sich davon definieren zu lassen.
Unter Druck Entscheidungen zu treffen, Eigenwahrnehmung und sich coachen lassen zu können, ist ebenfalls wesentlich. Wir tun heute so viel mehr für Kinder als frühere Generationen es getan haben, manchmal kommen sie dadurch zum Sport, ohne je viele eigene Entscheidungen getroffen haben zu müssen. Auf Spitzenniveau brauchen sie diese Fähigkeit aber.
Und dann wären da noch Geduld und Weitsicht. Das Springreiten ist definitiv Kopfsache, aber auch eine Partnerschaftsangelegenheit. Man muss eine Beziehung zum Pferd aufbauen. Man erhält nicht die beste Partnerschaft der Welt, wenn man keine Zeit mit dem Pferd verbringt. Vertrauen, Geduld und Partnerschaft sind keine optionalen Extras – sie sind das Grundgerüst.
Die wichtigsten mentalen Fähigkeiten für die nächsten Generationen sind also meiner Meinung nach Fokus, ein dickes Fell, Emotionsregulation, Entscheidungsfähigkeit, sich coachen lassen zu können und vor allem die Geduld, im Laufe der Zeit eine echte Partnerschaft mit dem Pferd aufzubauen.
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