INTERVIEW MIT JACQUELINE MALONE

JACQUELINE MALONE Jacqueline Malone

Teil I

Wie würden Sie Ihre Aufgabe bei Ahead for Horses für diejenigen beschreiben, die nicht mit der Reitsportpsychologie vertraut sind und wie kann sie die Leistung eines Reiters positiv beeinflussen?

JM: Viele Menschen verstehen nicht wirklich, was Psychologie ist, aber es ist einfach die Wissenschaft von Verstand und Verhalten. Sie analysiert, wie Menschen denken, wie sie fühlen und wie sie dann handeln. Betrachten wir das in einem sportlichen Kontext, geht es in der Sportpsychologie eigentlich darum zu begreifen, wie man an seiner Geisteshaltung arbeiten kann, um sein Verhalten ebenso willentlich zu beeinflussen, wie man an seinem Körper arbeitet.

Als Reiter tut man das in körperlicher Hinsicht ohnehin schon ständig. Man denkt bewusst an die natürlichen Hilfen im Sattel – Hände, Gewicht, Schenkel, Stimme. Was ich tue, ist also im Grunde der nächste Schritt. Es geht darum, den Reitern begreiflich zu machen, wie sie ihren Geist, ihren Körper und ihre Physiologie miteinander in Einklang bringen können, um ihr Potenzial ganz auszuschöpfen.

Wie das konkret aussieht, hängt ganz von dem jeweiligen Reiter ab, mit dem ich es zu tun habe. Bei manchen Reitern sind gar nicht die Nerven das Problem, sondern es ist die Herausforderung, all die vielen Aspekte unter einen Hut zu bringen, die es beinhaltet, ein Geschäft zu führen, oder die Tatsache, dass man so oft von zu Hause weg ist. Meine Arbeit besteht also darin, ihnen zu helfen, an den Punkt zu gelangen, an dem sie die Füße in die Steigbügel stellen und einfach losreiten können, ohne dass ihnen all die anderen Sorgen durch den Kopf gehen.

Dann gibt es natürlich die Bereiche, die die Menschen traditionell mit Sportpsychologie verbinden – Fokussierung, Emotionsregulation, Selbstvertrauen, Nerven, Angst. Diese Dinge spielen auf jeden Fall auch eine Rolle. Bei seiner ersten Meisterschaft, den ersten Olympischen Spielen oder dem ersten Nations` Cup anzutreten – das sind herausfordernde Momente. Aber im Spitzensport, vor allem auf dem Niveau, von dem wir beim Rolex Grand Slam reden, ist es eigentlich oft das weitere Umfeld um den Reiter, das ebenso wichtig wird wie das eigene Nervenkostüm.

Ich erkläre den Reitern die Sportpsychologie oft in sehr praxisnahen Begriffen. Als ich klein war, haben wir immer Stroh unter die Pferdedecke gesteckt, um das Pferd nach dem Training abzukühlen und den Schweiß aufzusaugen. Heute benutzen wir hochmoderne Kühldecken, mit denen das Pferd in wenigen Minuten trocken ist. Die Sportpsychologie ist das Äquivalent zum Einsatz des modernen Hilfsmittels, von dem wir inzwischen wissen, dass es funktioniert. Sie ist wissenschaftlich fundiert und seit Langem etabliert und in anderen Spitzensportarten gibt es niemanden auf höchstem Niveau, der nicht in der einen oder anderen Form mit jemandem aus diesem Gebiet zusammenarbeitet.

Für mich besteht der positive Einfluss also darin, dass sie den Reitern hilft, bessere Leistung zu erbringen, ja – aber ebenso hilft sie ihnen dabei, besser zu leben, Dinge besser zu bewältigen, klarer zu denken und in sämtlichen leistungsorientierten Bereichen effizienter zu werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Reiter in allererster Linie Menschen sind und erst in zweiter Linie Pferde reiten.

Wie sehr hängt der Erfolg auf dem allerhöchsten Niveau im Springreiten Ihrer Meinung nach mehr von der mentalen Einstellung als vom technischen Können ab?

JM: Auf allerhöchstem Niveau können alle reiten. Sie haben die Fähigkeiten, sie haben die Pferde und sie haben hart daran gearbeitet, dorthin zu gelangen. Wenn man also diesen Punkt erreicht hat, wird die mentale Einstellung unglaublich wichtig.

Die Menschen unterschätzen manchmal, dass die Geisteshaltung nichts Abstraktes ist oder es einfach nur „schön ist, sie zu haben“. Sie wirkt sich unmittelbar auf die Physiologie aus. Der Körper hat ein Angstgedächtnis. Ebenso erinnert er sich an Anspannung. Und Angst und Anspannung wirken sich auf den Sitz, das Gespür, das Timing aus – all die Dinge, die beim Reiten eine Rolle spielen. Wenn also in der Geisteshaltung etwas nicht stimmt, beschränkt sich das nicht einfach nur auf den Kopf. Es überträgt sich auf den Körper und danach auch auf das Pferd.

Wir wissen außerdem, dass Pferde enorm empfänglich für unseren Gefühlszustand sind. Jüngste Forschungen zu den kognitiven Fähigkeiten von Tieren legen nahe, dass Pferde Spiegelneuronen-ähnliche Systeme besitzen. Einfach ausgedrückt heißt das: Sie lesen die Stimmung um sie herum und reagieren darauf. Ein Pferd kann deinen Herzschlag aus einem Meter Entfernung spüren. Wenn man also auf dem Pferd sitzt, beeinflusst der eigene mentale Zustand nicht nur die eigene Leistung, sondern überträgt sich auch direkt auf das Pferd.

Für mich besteht auf Spitzenniveau der größte Unterschied darin, ob ein Reiter eine offene oder eine starre Geisteshaltung hat. Bei einem starren Mindset denkt man eher: „In einer so überwältigenden Atmosphäre bin ich einfach nicht gut“ oder „Diese Arena macht mich nervös“ oder „Ich gehöre nicht zu den Reitern, die hier wirklich gut sind“. So etwas wirkt wie eine Blockade, denn wenn man glaubt, die eigenen Fähigkeiten wären beschränkt, hört man auf, nach Möglichkeiten zu suchen, sie zu steigern.

Bei den Spitzenreitern sehe ich genau das Gegenteil. Sie sind offen. Sie wollen lernen. Sie übernehmen Ideen von anderen. Sie sind an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, neuen Systemen und besseren Methoden interessiert. Sie wollen die beste tierärztliche Betreuung, den besten Hufschmied, die besten Reisevorkehrungen für die Pferde, die beste Ausrüstung, das beste Team – und dieselbe mentale Einstellung haben sie auch in Bezug auf sich selbst. Sie wollen wissen, wie sie sich weiter verbessern können, anstatt ihren aktuellen Leistungsstand einfach hinzunehmen.

Auf dem Spitzenniveau dieses Sports ist die Geisteshaltung ein hochgradig unterschätzter Leistungsfaktor. Durch technisches Können bekommt man einen Fuß in die Tür, aber die metale Haltung entscheidet zu einem großen Teil mit darüber, ob man auch beständigen Schrittes hindurchgeht.

Vor welchen mentalen Herausforderungen stehen Spitzenreiter auf 5*-Niveau Ihrer Erfahrung nach am häufigsten?

JM: Ich glaube, die Leute denken oft, dass das Hauptproblem die Neven sind, aber in Wirklichkeit ist das Problem viel umfassender.

Auf Spitzenniveau sind viele Reiter nicht bloß Athleten – sie leiten auch Unternehmen. Sie managen ihre Mitarbeiter, die Besitzer, die Pferde, die Logistik, die Kunden, die Reisen, die Sponsoren und sämtliche Systeme im Hintergrund. Das ist eine ziemlich große mentale Belastung für eine Person. Folglich ist eine der häufigsten Herausforderungen einfach die enorm hohe Verantwortung, die auf ihnen lastet.

Ein weiteres großes Thema ist das Reisen und die Erholung. Dieser Sport ist sowohl physisch als auch mental sehr anstgrengend, weil man ständig auf Trab ist. Man schläft immer woanders, isst auswärts, wechselt die Zeitzone und kann eigentlich nie abschalten. All das hat Auswirkungen auf den Fokus, die Emotionsregulation und die Leistung. Was manchmal nach mangelndem Selbstvertrauen aussieht, ist in Wirklichkeit Schlafmangel oder aufgestaute Erschöpfung.

Und dann sind da ja auch noch die persönlichen Aspekte. Es ist schwer, mit Freunden in Verbindung zu bleiben, wenn man so viel auf Reisen ist. Es ist schwer, Beziehungen aufrechtzuerhalten. In vielen Reitsportunternehmen ist der eigene Ehe- oder Lebenspartner auch ins Geschäft involviert, was fantastisch sein kann. Aber es bedeutet auch, dass der Stress nie wirklich aufhört.

Und man steht ständig unter Beobachtung. Im Springreiten hat man es oft mit richtigen Dynastien zu tun, was ebenfalls mit einem gewissen Erwartungsdruck verbunden ist. Wenn der Vater, die Mutter oder der Großvater auf sehr hohem Niveau erfolgreich waren und man dann selbst in diesen Sport einsteigt, liegt die Messlatte bereits ziemlich hoch. Aber in den meisten Familienunternehmen steht man nicht dermaßen öffentlich auf dem Prüfstand. Im Springreiten schon.

Und die sozialen Medien sind inzwischen auch eine große Herausforderung. Die Reiter brauchen sie, um Sponsoren und Sichtbarkeit zu gewinnen, sind dadurch aber auch ständigen direkten Kommentaren zu ihrer Leistung, ihren Pferden und ihren Entscheidungen ausgesetzt. Dieser direkte Zugang kann ziemlich übergriffig sein und man braucht schon ein dickes Fell, um das alles nicht an sich heranzulassen.

Also ja, Fokus, Nerven, Angst und Selbstvertrauen spielen allesamt noch immer eine Rolle. Aber auf 5*-Niveau haben die mentalen Herausforderungen oft mit der schieren Komplexität des Lebens rund um den Sport herum zu tun, nicht nur mit dem kurzen Augenblick in der Arena.

Die Majors des Rolex Grand Slam gehören zu den härtesten Wettkämpfen dieses Sports. Wie gehen die Reiter mit dem Druck bei diesen Prüfungen um, in denen alles auf dem Spiel steht?

JM: Die Reiter, die am besten mit dem Druck in diesen Prüfungen umgehen, sind diejenigen, die schon lange vor dem Einreiten in die Arena alles Nötige absolviert haben. Sie sind vorbereitet, was ihren Körper, ihre Routinen, ihre Gedanken und ihre Reaktionen angeht. Sie versuchen nicht erst am eigentlichen Tag selbst, die Ruhe neu zu erfinden.

Ein wesentlicher Faktor besteht darin, den Druck umzudeuten. Jeder Reiter bei einem Rolex Grand Prix ist auf den Sieg aus. Es gibt dort niemanden, der nicht gewinnen will. Aber die Reiter, die damit am besten klarkommen, sind in der Lage, ihren Blickwinkel zu ändern und die Prüfung nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung zu sehen. Sie wissen, dass sie sich das Recht verdient haben, dort zu sein. Sie wissen, dass diese Prüfung die Belohnung für all die Vorbereitung ist, die sie bereits hineingesteckt haben.

Es gibt außerdem sehr pragmatische, wissenschaftliche Dinge, die die Reiter tun können. So spielt beispielsweise die Sauerstoffsättigung eine große Rolle. Wenn wir sehr nervös oder aufgeregt sind, halten manche Menschen unbewusst den Atem an. Dadurch sinkt die Sauerstoffsättigung, und wenn das geschieht, wird der noch im Körper vorhandene Sauerstoff vorrangig ins Herz und Gehirn transportiert. Die Extremitäten – Hände und Beine, also zwei der wichtigsten Hilfen – werden zuallerletzt damit versorgt. Deshalb kann es schon einen großen Unterschied ausmachen, etwas so Simples zu tun, wie auf dem Weg vom Warm-up- Bereich zur Arena so viel Sauerstoff wie nur möglich aufzunehmen. Auch die Hydrierung ist wichtig. Vor dem Start etwas zu trinken, damit der eigene Körper richtig funktionieren kann und man nicht schon vor dem Start im Nachteil ist.

Ein weiteres wichtiges Werkzeug ist die Visualisierung. Wenn man einen Parcours ganz detailliert mental durchgehen kann, reagiert das Gehirn in vielerlei Hinsicht so, als hätte man ihn bereits geritten. Das haben uns Sportarten wie die Formel eins deutlich gezeigt. Dort müssen sich die Fahrer Strecken einprägen, auf denen sie nicht immer in echt trainieren können. Das gleiche Prinzip gilt auch beim Springreiten. Wenn man das Visualisieren sehr gut beherrscht, kann man einen Parcours effektiv bereits zwei- oder dreimal durchlaufen haben, bevor man ihn tatsächlich reitet.

Die andere Sache ist die Vertrautheit. Wenn man zum ersten Mal irgendwo hinkommt, sollte man im Voraus so viel wie nur möglich über diesen Ort in Erfahrung bringen. Wie sieht dort das Aufwärmen aus? Wie ist die Arena? Wo muss man hin? Was passiert wann? Das Gehirn liebt Informationen. Es liebt Pläne. Je mehr Referenzpunkte man sich verschaffen kann, desto weniger kann einen diese Umgebung verunsichern.

Und letztendlich: Lass dir Zeit. Dieser Sport ist komplex, weil man seine Leistung gemeinsam mit einem anderen Lebewesen erbringt, das seinen eigenen Gefühlszustand hat und das die Atmosphäre und auch den Druck auf ganz eigene Weise wahrnimmt. Deshalb brauchen Reiter einen gewissen Spielraum. Sie brauchen Zeit, sich neu zu sammeln, Zeit sich anzupassen, Zeit, sich darauf einzustellen, wenn etwas nicht genau nach Plan verläuft.

Wenn man sich Athleten in Sportarten wie Tennis und Golf ansieht, die wiederholt bei Grand Slams und Majors abliefern – was sticht in Ihren Augen an deren Mindset heraus und wie lässt sich das auf das Springreiten übertragen?

JM: Für mich sticht am meisten heraus, dass die allerbesten Athleten den Druck nutzen, um sich selbst zu pushen, statt sich davon einschüchtern zu lassen.

Nehmen wir zum Beispiel Menschen wie Rory McIlroy oder Novak Djokovic. Die tun nicht so, als stünden sie überhaupt nicht unter Druck. Sie nutzen ihn. Sie haben dafür trainiert. Sie haben gelernt, wie sie ihn umlenken können. Und sie reden meistens auch gern darüber, dass sie gezielt an ihrem Mindset gearbeitet haben, was ich wichtig finde, denn es hilft dabei, dieses Thema zu normalisieren. Im Springreiten, vor allem bei der älteren Generation, herrscht eine gewisse Sorge, was die Leute denken könnten, wenn man mit einem Psychologen redet. Meine ganze Arbeit ist absolut vertraulich und ich verlasse mich ausschließlich auf Mundpropaganda. Doch wenn wir es zu einem ganz normalen Gesprächsthema machen, verringert das diesen Druck, weil die Reiter merken, dass sie nicht allein sind. Es profitieren nämlich so viele von der Sportpsychologie. 

Eine weitere Sache, die heraussticht, ist ihre Fähigkeit, sich neu zu sammeln. Im Spitzensport verläuft immer irgendetwas nicht ganz nach Plan. Was die Athleten, die mehrfach gewinnen, von denen unterscheidet, die nur einmal gewinnen, ist häufig das Tempo, mit dem sie wieder in den Mikro-Fokus zurückfinden. Im Tennis sieht man das in den Ritualen zwischen den Ballwechseln. Rafael Nadal ist ein großartiges Beispiel – seine Rituale sind beinah obsessiv, aber sie sind Mechanismen, um sich wieder neu zu sammeln. Sie helfen ihm, augenblicklich wieder in den Moment zurückzufinden.

Das lässt sich beinahe eins zu eins auf das Springreiten übertragen. Ich würde sogar sagen, dass es im Springreiten sogar noch wichtiger ist, weil Fehler mitten in einer Runde nicht wieder auszubügeln sind. Wenn eine Stange fällt, fällt sie. Man kann das nicht ungeschehen machen. Im Tennis kann ein schlechter Aufschlag wiederholt werden. Im Golf kann man einen schlechten Schlag manchmal wieder ausgleichen. Im Springreiten bleibt der Fehler erhalten.

Die Fähigkeit, sich schnell wieder zu sammeln, im Flow zu bleiben, auf seine Vorbereitung zu vertrauen und Routinen und Visualisierung zu nutzen – alles das lässt sich also direkt übertragen. Der Unterschied besteht darin, dass man diese Klarheit und Ruhe dann durch den eigenen Körper an sein Pferd übertragen muss.

Der zweite Teil dieses Interviews wird in Kürze verfügbar sein.