INTERVIEW MIT LUCIANA DINIZ

Luciana Diniz - Rolex Grand Slam/Sofya Khizhik Luciana Diniz - Rolex Grand Slam/Sofya Khizhik

Was macht Spruce Meadows für Sie zu einem so besonderen Veranstaltungsort und wieso kommen Sie Jahr für Jahr immer wieder hierher?

LD: Ich liebe es hier in Spruce Meadows. Einfach nur hier zu sein und über die Geschichte dieses Ortes nachzudenken – da bekomme ich richtig Gänsehaut.

Jedes Mal, wenn ich hier angetreten bin, habe ich ein tolles Ergebnis erzielt. Beim ersten Mal habe ich eine Prüfung mit Fit For Fun gewonnen und dann im Grand Prix den zweiten Platz belegt. Als ich im darauffolgenden Jahr wieder hier war, habe ich eine Prüfung mit ihrem Sohn, Camargo, gewonnen, und im Grand Prix den vierten Platz geholt.

Hier herrscht eine so herzliche Atmosphäre und wir fühlen uns immer unglaublich willkommen. Es ist auch sehr pferdefreundlich hier. Der International Ring ist wunderschön und alles an Spruce Meadows hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Ich liebe dieses Major und freue mich sehr, dieses Jahr wieder dabei zu sein. Ich habe zwei neue Stuten dabei, um sie auf die Zukunft vorzubereiten, und hoffe, dass ich eines Tages mit einer von ihnen den CPKC `International`, presented by Rolex, in Spruce Meadows gewinnen kann.

Der Internationale Ring stellt eine der größten Herausforderungen in diesem Sport dar. Was braucht ein Pferd, um in dieser Arena selbstbewusst und erfolgreich zu sein?

LD: Wenn man nach Spruce Meadows kommt, muss man auf alles vorbereitet sein. Für mich ist es das schwierigste Turnier der Welt. Der CHIO Aachen und der CHI Genf sind auch ganz besondere und anspruchsvolle Austragungsorte, aber Spruce Meadows stellt für Pferd und Reiter noch mal eine größere Herausforderung dar. Die Hindernisse sind riesig und sehr breit, und die Pferde haben es mit jeder Art von Hindernis zu tun, auch mit Mauern und Planken. Hier findet man alles, was man sich nur vorstellen kann.

Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal ausgesprochen habe, dass ich mit Fit For Fun herkommen wollte, haben alle gesagt, ich wäre verrückt, weil sie ein so kleines, leichtes Pferd war, fast wie ein Vollblüter, und alle glaubten, sie käme nicht mit einer Arena dieser Größe klar.

Anfangs sah ich das auch so. Ich bekam eine Einladung nach Spruce Meadows, habe aber abgelehnt mit der Begründung, dass ich die Arena zu groß für sie fand. Dann hatten wir bei der Europameisterschaft in Dänemark gleich am ersten Tag einen Abwurf und haben es nicht in den Mannschaftswettbewerb geschafft. Da kam mir plötzlich der Gedanke: „Vielleicht sollte ich doch nach Spruce Meadows fliegen.“

Es war, als hätte etwas in meinem Kopf klick gemacht. Ich hatte wieder Gänsehaut, warf meine Pläne über den Haufen und rief dort an, ob ich doch noch kommen könnte. Wir sind nach Spruce Meadows geflogen, haben eine Prüfung gewonnen und den zweiten Platz im Grand Prix belegt. Wenn man seinem Pferd vertraut, es in- und auswendig kennt und das Gefühl hat, der Herausforderung, die vor einem liegt, gewachsen zu sein, kann man gemeinsam einfach alles erreichen.

Die vier Majors des Rolex Grand Slam haben alle ihren ganz eigenen Charakter. Was unterscheidet diese außergewöhnlichen Schauplätze voneinander?

LD: Ich liebe das Konzept des Rolex Grand Slam of Show Jumping. Als er ins Leben gerufen wurde, war mein erster Gedanke: ‚Was für eine fantastische Idee! Damit hat Rolex etwas wirklich Besonderes für unseren Sport geschaffen.` Es begann mit drei Majors, bevor schließlich das vierte hinzugenommen wurde, und jedes Major hat etwas ganz Einzigartiges zu bieten.

Den CHIO Aachen macht seine außergewöhnliche Tradition zu etwas unglaublich Besonderem. Ich habe viele Jahre in der Nähe von Aachen gewohnt und betrachte es als meine zweite Heimat. Wenn ich diese Arena betrete, habe ich immer das Gefühl, die Zuschauer unterstützen mich ebenso sehr wie die deutschen Reiter. Der Schauplatz, die Atmosphäre und das Publikum machen diese Turnier zu einem so außergewöhnlichen Erlebnis. Die Identität Aachens ist in seiner Tradition verwurzelt und in Deutschlands Stellung als eine der größten Reitsportnationen der Welt.

Spruce Meadows hat etwas ganz anderes zu bieten. Was es für mich so besonders macht, ist die Familie hinter seiner Geschichte. Die Familie Southern hat diesen Austragungsort mit einem klaren Ziel und Zweck aufgebaut, und es ist so schön zu sehen, dass sie nach wie vor geschlossen hinter diesem so außergewöhnlichen Projekt steht. Die Familiengeschichte macht Spruce Meadows einzigartig.

Das The Dutch Masters bietet auch wieder ein anderes Erlebnis, weil es ein Hallenturnier in den Niederlanden ist, ebenfalls einem Land mit herausragender Reitsportgeschichte.

Und dann ist da noch der CHI Genf. Er findet zwar drinnen statt, man hat in der Arena aber das Gefühl, im Freien zu reiten. Für mich ist es das beste Hallenturnier der Welt und es hat sich seinen Platz im Rolex Grand Slam of Show Jumping definitiv verdient. Ich liebe es, dort anzutreten, habe dort schon Prüfungen gewonnen und auch im Rolex Grand Prix gut abgeschnitten. Ich habe viele wunderschöne Erinnerungen an Genf.

Was würden Sie einem Nachwuchsreiter oder einer Nachwuchsreiterin raten, der in diesem Sport auch an die Spitze gelangen will?

LD: Der beste Rat, den ich jedem geben kann, der es bis an die Spitze schaffen will, ist es, seinen Träumen zu folgen und sich selbst und seiner Intuition zu vertrauen.

Man muss sich auch ein starkes Team aufbauen, denn das macht den entscheidenden Unterschied. Man braucht die richtigen Pferde und muss eins mit ihnen werden, aber die Menschen hinter den Kulissen sind genauso wichtig. Die Pfleger, Trainer, Besitzer und die eigene Familie – alle tragen zum Erfolg bei.

Sich dieses starke Grundgerüst aufzubauen, ist das A und O. Für mich ist das einfach der Schlüssel für alles, was man im Leben erreichen will. Es ist auch der Grund, weshalb ich gerade an der Entwicklung einer neuen App namens ‚Equestrian Match‘ arbeite, die uns dabei helfen soll, eine bessere Beziehung zu unseren Pferden und den Teams aufzubauen, die uns unterstützen. Diese Beziehungen bilden das Fundament, auf dem der Erfolg aufbaut.

Sie sind für Ihre enge emotionale Bindung zu Ihren Pferden bekannt. Wie hat sich diese Philosophie entwickelt und wie beeinflusst Sie Ihre Leistung im Parcours?

LD: Mein Verständnis von dieser Verbindung fing bei den Olympischen Spielen in Athen an. Mein Onkel, der zu der Zeit an Krebs erkrankt war, sah mir im Fernsehen zu und rief mich anschließend an und sagte: ‚Luciana, du hast nicht gelächelt. Da war keine Freude. Du warst bei den Olympischen Spielen, also hättest du glücklich und dankbar sein sollen.‘

Und mir wurde klar, dass er Recht hatte. Ich war zwar geritten, aber ich hatte keine wirkliche Verbindung zu meinem Pferd oder dem Anlass gespürt. In diesem Augenblick hat sich etwas in mir verändert. Von da an beschloss ich, dass ich jedes Mal, wenn ich auf einem Pferd sitzen oder eine Arena betreten würde, mit Freude reiten wollte.

Mein Ziel ist es, eins mit meinem Pferd zu werden, aber auch mit der Arena und dem Ort, an dem ich gerade antrete. Wenn ich einen Ring betrete, sage ich mir als Erstes: ‚Danke, dass ich hier sein darf. Danke für mein Pferd. Wir werden heute eine wunderschöne Runde absolvieren.‘ Wenn ich anhalte, um die Richter zu grüßen, rede ich noch mal mit meinem Pferd und sage ihm, dass wir eine gute Runde hinlegen werden.

Ich rede unheimlich gerne mit meinen Pferden, weil ich sehen kann, dass sie mich hören. Ich beobachte ihre Ohren und weiß, dass sie mir zuhören und sich bewusst sind, dass ich da bin.

Pferde spüren unsere Energie. Darum spreche ich mit ihnen und versuche, positive Energie in unsere Partnerschaft einzubringen, aber sie geben uns diese Energie auch wieder zurück. Es ist eine wechselseitige Beziehung, in der wir uns beide gut fühlen und dem anderen etwas schenken. Für mich ist das das Geheimnis unseres Sports.

Jeder Reiter hat eine andere Art, eine Verbindung mit seinen Pferden einzugehen, aber wenn man die großartigsten Partnerschaften gewinnen sieht, steckt da immer echte Verbundenheit dahinter. Es ist unsere Aufgabe, eine Verbindung mit dem Pferd, dem Augenblick und der Umgebung einzugehen und dann gemeinsam unser Bestes zu geben.