INTERVIEW MIT NICOLA PHILIPPAERTS

Rolex Grand Slam/Tom Lovelock - Nicola Philippaerts Nicola Philippaerts

Sie sind im Laufe Ihrer Karriere schon oft in Aachen angetreten. Was haben diese Arena und diese Veranstaltung an sich, dass sie nach wie vor eine der bedeutendsten Bühnen dieses Sports ist?

NP: Aachen ist eine ganz besondere Veranstaltung für mich. Es ist eines dieser Turniere, bei dem man – wenn man ein gutes Pferd hat – unbedingt starten und gegen die besten Pferd- und Reiterpaare der Welt antreten will. Die Atmosphäre, vor allem am Sonntag, ist unglaublich. Tausende von Zuschauern sind da und die Veranstaltung ist so traditionsreich. Sie ist eine der größten Bühnen in unserem Sport und jeder Reiter und jede Reiterin will dort eine gute Leistung abliefern.

Der TSCHIO Aachen ist Teil des Rolex Grand Slam of Show Jumping, der vier der prestigeträchtigsten Majors in diesem Sport vereint. Was unterscheidet diese Majors aus Reiterperspektive von anderen Fünf-Sterne-Turnieren?

NP: Der Rolex Grand Slam of Show Jumping ist die Serie, in der jeder Spitzenreiter antreten will. Diese Turniere locken die besten Pferde und Reiter der Welt an und alle versuchen, mit ihren besten Pferden dort zu starten. In Aachen, beim CHI Genf, in Spruce Meadows und beim The Dutch Masters zu reiten, ist etwas was unglaublich Besonderes. Für mich sind das die besten Turniere des Jahres und es ist ein großes Privileg für mich, dort antreten zu dürfen.

Belgien hat in den letzten Jahren eine enorm starke Kadertiefe bewiesen. Wie wichtig sind dieses Umfeld und die Rivalität zwischen den belgischen Reitern dabei, die Messlatte noch höher zu legen?

NP: Belgien ist im Augenblick sehr stark. Wir haben eine sehr gute Mannschaft aus erfahrenen Reitern und einigen sehr talentierten Nachwuchsreitern mit ausgezeichneten Pferden. Ich finde das ganz fantastisch für den Sport in Belgien. Der Teamgeist ist sehr gut und unser Chef d’Équipe handhabt alles ganz hervorragend. Ich habe wirklich Glück, zu dieser Mannschaft zu gehören und mit ihr zu wichtigen Veranstaltungen zu reisen, wo wir versuchen können, weiterhin gemeinsam tolle Ergebnisse zu erzielen.

Auf diesem Niveau hängt der Erfolg von einem ganzen Team hinter den Kulissen ab. Wie wichtig sind Ihre Pfleger, Tierärzte, Hufschmiede und das restliche Team für die Vorbereitung auf ein Major wie den TSCHIO Aachen?

NP: Es ist alles Teamarbeit. Hinter den Kulissen arbeiten so viele Menschen Tag und Nacht unglaublich hart für die Pferde und ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich ihnen bin. Vom Hufschmied über den Tierarzt bis hin zu den Pflegern spielt jeder eine wichtige Rolle. Ich bin fast jede Woche auf Reisen, weshalb es so wichtig ist, ein starkes Team zu Hause zu haben, das dafür sorgt, dass die Pferde gut trainiert und versorgt werden und bereit für die Turniere sind. Auf diesem Niveau ist es nie nur eine einzelne Person, sondern immer ein ganzes Team.

Sie kommen aus einer der bekanntesten Familien des Springreitsports. Inwiefern hat das Ihr Verständnis für den Sport und das, was nötig ist, um auf Spitzenniveau Erfolg zu haben, geprägt?

NP: Ich hatte das große Glück, dass mein Vater so viele Jahre lang in diesem Sport aktiv war. Er hat mir von klein an beigebracht, wie man richtig mit Pferden umgeht und ich durfte schon früh in meiner Karriere viele verschiedene Veranstaltungen besuchen. Zu Hause sind wir ein richtiges Team.

Wenn wir natürlich alle beim selben Turnier antreten und einer meiner Brüder vorne liegt, versucht jeder von uns, die anderen zu schlagen. Wir sind eben Sportler und gewinnen gerne. Aber zu Hause unterstützen wir einander, helfen uns gegenseitig und bauen uns gegenseitig auf. Wir sind ein Familienunternehmen und machen alles zusammen.

Viele der größten Athleten der Welt reden davon, wie wichtig es ist, unter Druck Leistung erbringen zu können. Lassen Sie sich von anderen Sportarten oder anderen Athleten inspirieren, wenn Sie sich auf die größten Momente im Springreiten vorbereiten?

NP: Ich sehe mir sehr gerne Dokumentarsendungen über Sport an. Ich fand die Serie über Michael Jordan toll und mich inspirieren auch Athleten wie Roger Federer. Ich bin ihm mal begegnet und er war menschlich einfach unglaublich – sehr freundlich und sehr beeindruckend. Ich finde, man kann viel von solchen Athleten lernen, vor allem, wie sie mit Druck und wichtigen Momenten umgehen. In unserem Sport ist auch die Unterstützung von Seiten der Familie oder jemandem, der einem nahesteht, sehr wichtig. Das verleiht einem Gelassenheit und man kann sich auf seine Aufgabe konzentrieren.

Aachen ist für seine Größe, Atmosphäre und Intensität bekannt. Wie bereiten Sie sich mental auf eine Prüfung dieses Kalibers vor?

NP: An einem Tag wie dem des Rolex Grand Prix treffe ich gerne schon früh ein, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Ich überprüfe die Ausrüstung, lasse meinem Pferd genug Zeit und sorge dafür, dass es sich wohlfühlt und bereit ist. In der Regel begehe ich den Parcours drei- oder viermal, weil ich jedes Detail sehen will. Außerdem ist es wichtig, sich auf die Dinge zu konzentrieren, auf die es ankommt, und sich nicht vom Publikum oder der Größe der Arena ablenken zu lassen. Aachen kann ziemlich imposant sein und wenn man zum ersten Mal hier reitet, kann man sich leicht davon überwältigen lassen. Man muss auf das fokussiert bleiben, was man zu tun hat und bis zum Ende auf die Details achten. Anschließend kann man das Erlebnis im Rückblick genießen.

Sie haben sich während Ihrer Laufbahn immer eine starke Partnerschaft mit Ihren Pferden erarbeitet. Wie bauen Sie eine solche Beziehung auf, um das Beste aus jedem Pferd herauszuholen?

NP: Ich finde das reiterliche Können sehr wichtig. Man muss sich bestmöglich auf jedes Pferd einstellen können, weil jedes Pferd anders ist. Es braucht Zeit, bis man versteht, was das jeweilige Pferd braucht, was es nicht mag und wie man dafür sorgen kann, dass es sich wohlfühlt. Das Wichtigste ist, dass das Pferd mit Selbstvertrauen in die Arena geht und es ihm Spaß macht, was es dort tut. Ich glaube, wenn man das erreicht, kann man die besten Ergebnisse erzielen.