INTERVIEW MIT ODA CHARLOTTE LYNGVÆR

Oda Charlotte Lyngvaer, ©Rolex Grand Slam/Tom Lovelock Oda Charlotte Lyngvaer, ©Rolex Grand Slam/Tom Lovelock

Sie treten zum ersten Mal in Aachen an. Was bedeutet es Ihnen, Ihr Debüt bei einem der vier Majors zu geben, aus denen der Rolex Grand Slam of Show Jumping besteht?

OL: Es ist ein echtes „Kneif mich mal!“-Erlebnis! Neben so vielen der besten Reiter und Reiterinnen der Welt hier zu sein und die Chance zu haben, in dieser Arena anzutreten, ist etwas unfassbar Besonderes. Für mich ist Aachen einer dieser Orte, von denen jeder Reiter träumt, einmal im Leben dort zu reiten. Nach dem Aufwärmen gestern habe ich scherzhaft gesagt, dass ich es jetzt auf meiner Liste abhaken und wieder nach Hause fahren könnte, aber es bedeutet mir natürlich viel mehr als das. Es ist eine unglaubliche Ehre.

Es ist auch wichtig für mich im Hinblick auf die Zukunft. Wenn es mein Traum ist, später in diesem Jahr an der FEI Weltmeisterschaft teilzunehmen, wird es eine sehr wertvolle Erfahrung sein, diese Arena und eine Atmosphäre von diesem Niveau schon einmal erlebt zu haben. So habe ich die Chance, das Hauptstadion, den Maßstab und den Druck kennenzulernen, der mit all dem verbunden ist.

Aachen ist für seine Größe, Atmosphäre und Geschichte bekannt. Was haben Sie von anderen Reitern und Reiterinnen davon gehört, wie es ist, im Hauptstadion zu reiten, und wie war im Vergleich dazu Ihre eigene Erfahrung?

OL: Ich habe in Aachen schon so oft zugesehen, wusste also, wie imposant es ist. Aber ich hatte trotzdem erwartet, mich ein bisschen „verloren“ in der Arena zu fühlen, weil sie so riesig ist. Diese Saison habe ich viele Hallenturniere in viel kleineren Arenen absolviert, weshalb ich mich hier definitiv außerhalb meiner Komfortzone befunden habe, und auch ein bisschen außerhalb der Komfortzone meines Pferds. Ehrlich gesagt hat es sich noch größer angefühlt, als ich erwartet hatte, aber ich hatte mich auf dieses Gefühl vorbereitet. Ich wusste, dass ich in der Arena einiges neu würde überdenken und mich an diese Ausmaße würde anpassen müssen.

Sie haben schon öfter davon erzählt, dass Sie einen anderen Weg an die Spitze dieses Sports beschritten haben. Inwiefern hat diese Reise Sie zu der Reiterin gemacht, die Sie heute sind?

OL: Ich komme nicht aus einer Pferdefamilie oder einer Familie, die mir hätte helfen können, mich in diesem Sport wirklich voranzubringen. Sie hat mich immer unterstützt, konnte mir aber keine Pferde oder diesbezügliche Chancen bieten.

Ich habe in einer Reitschule angefangen und alles geritten, was ich nur konnte. Wenn es vier Beine hatte und so aussah, als könne es springen, habe ich es geritten. Ich habe auch unterschiedliche Disziplinen ausprobiert, wie Dressur und Vielseitigkeit. Für mich ging es immer um die Leidenschaft für die Pferde und das Reiten.

Ich hatte schon immer große Träume und wollte immer schon besser werden. Ich habe immer andere Reiter beobachtet und mir gesagt, wenn die das können, müsste ich das auch hinbekommen. Mir war klar, dass ich hart dafür arbeiten, mich jeden Tag verbessern und alle Chancen nutzen müssen würde, die sich mir boten.

Meine Reise hat lange gedauert. Ich war 24, als ich meine erste Prüfung über 1,40 m gesprungen bin, wohingegen man heutzutage Reiter in diesem Alter sieht, die bereits in den besten 5*-Prüfungen starten. Mein Weg war also ein anderer, aber ich wusste, was ich wollte, und habe daran geglaubt, dass ich, wenn ich die Gelegenheit dazu bekäme, weiter nach vorn kommen würde.

Ich bin jetzt seit fast 12 Jahren bei Stal Hendrix und das war ein sehr wichtiger Teil meiner Reise. Dass ich lernen, reiten, beobachten, Pferde aufbauen und langsam kleine Schritte in Richtung dieser Träume machen konnte, war unglaublich.

Carabella vd Neyen Z hat Ihnen geholfen, einige der wichtigsten Meilensteine in diesem Sport zu erreichen. Was macht die Partnerschaft mit ihr so besonders?

OL: Sie trat zu einer Zeit in mein Leben, als ich mich schon jahrelang so angestrengt hatte und langsam Zweifel bekam. Man fängt an, sich zu fragen, ob es je passieren wird, oder ob all die Arbeit und all die Träume umsonst waren.

Dann kam Carabella und fing an, diese Türen für mich zu öffnen. Sie hat mir gezeigt, dass es zusammen möglich ist. Darum werde ich so oft emotional, wenn ich über sie rede, denn sie hat mich dazu gebracht, an mich selbst zu glauben.

Ich glaube an sie, und sie hat mir geholfen, an mich selbst zu glauben, und ich glaube, das macht unsere Verbindung zu etwas so Besonderem. Wir haben eine echte Vertrauensbasis.

Sie treten nicht nur auf 5*-Niveau an, sondern bauen auch weiterhin Nachwuchspferde bei Stal Hendrix auf. Inwiefern beeinflusst das die Art und Weise, wie Sie auf Spitzenniveau reiten, und nach welchen Eigenschaften suchen Sie bei einem 5*-Grand-Prix-Pferd?

OL: Ich glaube, es lehrt einen, die verschiedenen Arten von Pferden zu verstehen. Ich suche nicht nach einem bestimmten Pferdetyp. Welches Pferd ich auch reiten darf, ich versuche immer zu verstehen, was dieses Pferd braucht und wie ich es bestmöglich reiten kann. Ich versuche, den Pferden dabei zu helfen, das Beste aus sich herauszuholen. Das hat mich als Reiterin sehr geprägt, denn jedes Pferd lehrt dich etwas anderes.

Für mich ist die Einstellung die wichtigste Eigenschaft. Ein Pferd kann die schönste Technik haben, aber wenn es nicht die richtige Einstellung hat, wird es schwierig, es bis ganz nach oben zu schaffen.

Carabella ist ein gutes Beispiel. Sie hat vielleicht nicht den schönsten Stil oder den athletischsten Körper, aber sie hat Kampfgeist. Sie will ihren Job machen und liebt ihn. Für mich ist das das Wichtigste, vor allem bei einem jungen Pferd – dieses Gefühl, dass es mit dir zusammenarbeiten will und wirklich Spaß an dem hat, was es tut.

Wie bauen Sie eine Beziehung zu Ihren Pferden auf, und wie wichtig ist das, wenn Sie bei 5*-Turnieren antreten?

OL: Ich glaube, eine Beziehung entsteht, wenn man das Pferd versteht und nicht versucht, aus jedem Pferd dasselbe herauszuholen. Man muss spüren, was sie brauchen, und mit ihrer Persönlichkeit arbeiten. Auf 5*-Niveau ist diese Beziehung enorm wichtig, weil die Unterschiede nur noch so gering sind. Das Pferd muss dir vertrauen und du musst dem Pferd vertrauen. Wenn der Druck besonders groß ist, macht diese Partnerschaft den wahren Unterschied.