Interview mit Gérard Lachat

Interview mit Gérard Lachat

© Rolex Grand Slam / Sofya SK © Rolex Grand Slam / Sofya SK


Der CHI Genf gilt als eines der gastfreundlichsten Turniere der Welt – sowohl für die Pferde als auch für die Reiterinnen und Reiter. Wie schaffen Sie es als Parcours-Designer, diesen Ruf aufrechtzuerhalten und gleichzeitig Parcours zu gestalten, die selbst die besten Pferd-Reiter-Paare der Welt auf die Probe stellen?

GL: Wir versuchen, einen Parcours zu schaffen, den die Reiterinnen und Reiter mit Freude entdecken. Für uns ist es auch wichtig, dass die Pferde nicht zu sehr beansprucht werden. Dennoch ist der Parcours sehr anspruchsvoll. Bei anderen Grand-Slam-Turnieren gibt es oft zwei Durchgänge, was für die Pferde deutlich schwieriger ist. Beim CHI Genf gibt es 14 Hindernisse, was den Parcours recht lang macht. Da die Prüfungen jedoch in einem Durchgang stattfinden, halten wir dies für besser für die Pferde. Die Idee ist, dass die Pferde, wenn sie Genf verlassen, noch frisch genug sind, um anderswo anzutreten. Der Parcours muss technisch anspruchsvoll sein, um die Reiterinnen und Reiter zu Höchstleistungen anzuspornen und nicht zu viele fehlerfreie Durchgänge zuzulassen. Gleichzeitig darf er für die Pferde aber nicht zu schwierig sein. Wir haben das Glück, über ein hervorragendes Gelände zu verfügen. Es wird seit Jahren genutzt. Der Sand ist weder zu hart noch zu weich. Das ist meiner Meinung nach der Hauptgrund, warum sich die Pferde hier wohlfühlen.


Der Rolex Grand Slam bringt beträchtliches Prestige, aber auch Druck mit sich. Inwieweit beeinflusst dieser Aspekt Ihre Herangehensweise an die Gestaltung des Parcours, wenn überhaupt?

GL: Ja, das hat ganz sicher einen Einfluss. Es ist ein Wettbewerb, bei dem die besten Pferd-Reiter-Paare antreten. Vor allem beim CHI in Genf ist es ein mit Spannung erwartetes Ereignis. Alle bereiten sich sehr frühzeitig darauf vor. Um diesen Vorbereitungen gerecht zu werden, ist es unsere Aufgabe, einen anspruchsvollen Parcours anzubieten, damit es nicht zu viele fehlerfreie Runden gibt und der Wettbewerb spannend bleibt. 


Ohne zu viel zu verraten: Von welchen Themen oder technischen Prinzipien haben Sie sich bei der Gestaltung des Parcours für den Rolex Grand Prix am Sonntag leiten lassen? Gibt es bestimmte Fähigkeiten, die Sie in diesem Jahr besonders auf die Probe stellen möchten?

GL: Nein, der Parcours ist nicht auf eine bestimmte Fähigkeit ausgerichtet. Wir werden wie bisher einen technisch anspruchsvollen Parcours haben. Die Hindernishöhen liegen an der zulässigen Grenze. Natürlich haben wir auch Hindernisse mit einer Höhe von 1,65 Metern. Wir werden es mit den Oxern nicht übertreiben, da diese Hindernisse für die Pferde am anspruchsvollsten sind. Dennoch versuchen wir, einen sehr herausfordernden Parcours zu schaffen, der fast olympischem Niveau entspricht.


Das Springreiten entwickelt sich in Bezug auf Geschwindigkeit, Wendigkeit und Athletik ständig weiter. Wie passen Sie die Gestaltung Ihrer Parcours an, um diesen Trends Rechnung zu tragen und gleichzeitig die Fairness und Sicherheit dieses Sports zu gewährleisten?

GL: Wir versuchen, den Fokus eher auf den technischen als auf den physischen Aspekt zu legen, damit die Reiterinnen und Reiter möglichst präzise sein müssen. Wie Sie bereits gesagt haben, werden die Pferde heute mehr und mehr speziell für das Springreiten gezüchtet. Vor 20 Jahren waren sie nicht so athletisch und auch nicht so schnell. Der gesamte Zuchtprozess hat sich weiterentwickelt. Und auch die Reiterinnen und Reiter sind heute viel besser vorbereitet. Sie sind oft schmaler und haben einen für den Wettkampf geeigneten Körperbau. Deshalb versuchen wir, bei der Gestaltung des Parcours originell zu sein, um Fehler ein wenig zu provozieren. Wir werden auch die Farben der Hindernisse variieren – nicht, um die Pferde zu täuschen, sondern um etwas Neues zu bieten, denn das ist sehr wichtig. Wir wissen beispielsweise, dass die grünen und gelben Hindernisse im Rolex Grand Prix von den Pferden gut bewältigt werden. Durch die Verwendung unterschiedlicher Farben können wir für Abwechslung sorgen und herausfinden, welche Pferd-Reiter-Paare am besten aufeinander eingestellt sind. Wir versuchen, uns eher auf das technische Können der Pferde als auf ihre körperlichen Fähigkeiten zu konzentrieren. Wir möchten die Pferde nicht überfordern. Das Ziel eines jeden Parcours-Designers ist es, dass sich das Pferd bei der Ankunft auf dem Turnier genauso wohlfühlt wie bei der Abreise.

Allerdings muss man bedenken, dass sich nicht alles im Voraus planen lässt. Manchmal platziert man Hindernisse an bestimmten Stellen und in einem bestimmten Abstand, um bestimmte Fehler zu provozieren, doch dann haben die Reiterinnen und Reiter mehr Schwierigkeiten mit Hindernissen, die wir eigentlich als einfacher eingeschätzt hatten. Man kann nicht alles im Voraus wissen. Es ist auch immer ein bisschen Glück dabei, das ist einfach so. Mein Hauptziel ist, dass sich die Pferde wohlfühlen.


Die Halle im Palexpo ist für ihre Größe und Atmosphäre bekannt. Welche Chancen – oder Herausforderungen – bietet sie im Vergleich zu anderen Weltklasse-Veranstaltungsorten?

GL: Die Halle ist wirklich einzigartig. Sie ist so groß wie eine Außenanlage und daher gestalten wir den Parcours auch wie einen Außenparcours. Wir berücksichtigen auch das Tempo der Reiterinnen und Reiter, um alles bestmöglich anzupassen. Das ist eine ganz andere Aufgabe als an einigen anderen Austragungsorten in der Schweiz, beispielsweise in Basel, wo wir mit fast halb so viel Platz auskommen müssen. Unser Ziel ist es also, einen Außenparcours in der Halle zu schaffen.


Wie finden Sie die Balance zwischen einem Parcours, der anspruchsvoll genug für einen 5-Sterne-Grand-Prix ist, und einem Parcours, der möglicherweise zu schwierig oder unfair ist? Auf welche Anzeichen achten Sie besonders?

GL: Wir achten auf nichts Besonderes. Wir zählen beispielsweise nicht die Anzahl der Stürze. Wir versuchen, eine Quote von etwa 60 % mit 8 Fehlerpunkten und weniger zu erreichen. Es kann einen sehr guten Parcours geben, der mit zehn fehlerfreien Runden endet. Wenn jedoch von 40 Reiterinnen und Reitern die Hälfte aufgibt, ist das kein Erfolg. Wenn wir jedoch drei fehlerfreie Runden haben, aber 80 % der Teilnehmer vier oder acht Fehlerpunkte erzielen, dann ist das ein ausgezeichneter Parcours.


Berücksichtigen Sie bei der Gestaltung eines Parcours für den Rolex Grand Prix die voraussichtlich teilnehmenden Pferde (ob kräftigere oder leichtere Pferde, mehr oder weniger eingespielte Pferd-Reiter-Paare) und beeinflusst dies Ihre Entscheidungen?

GL: Alle Pferde, die hier sind, sind sehr unterschiedlich, aber es sind allesamt Spitzenpferde. Natürlich ändern sich die Distanzen mit der Größe des Pferdes, aber es stimmt nicht, dass ein kleines Pferd kleine Sprünge macht. Es kann genauso große Sprünge machen wie ein größeres Pferd. Der Reiter kann das Pferd dazu bringen, seine Sprünge zu verkürzen oder zu verlängern. Aber daran denkt man nicht, wenn man den Parcours entwirft – vor allem nicht bei einem Grand Prix wie diesem. Man weiß, dass die Reiter sich entsprechend anpassen werden. Wenn irgendwo ein Sprung mehr oder weniger erforderlich ist, werden sie das wissen. Unabhängig von der körperlichen Verfassung des Pferdes kann man bei einer Veranstaltung wie dieser sicher sein, dass es bereit sein wird. Selbst die Pferde der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die vielleicht weniger hoch eingestuft sind, sind dennoch Spitzenpferde, die bereit sind, anzutreten. Man kann sagen, dass der nationale Grand Prix heute Abend auf dem Niveau eines internationalen Grand Prix am Sonntag bei anderen Veranstaltungen ist. Das Niveau der Reiter und Pferde beim CHI in Genf ist einzigartig.


Was würde Ihnen nach dem Rolex Grand Prix am Sonntag das Gefühl geben, Ihr Ziel erreicht zu haben? Wie sieht das „perfekte Ergebnis“ aus der Sicht des Parcours-Designers aus?

GL: Für mich ist es ein Erfolg, wenn ich im Grand Prix acht bis zehn fehlerfreie Durchgänge habe und alles gut gelaufen ist, mit 80 % der Runden mit acht oder weniger Fehlerpunkten. Aber man kann nicht alles voraussehen, auch wenn man alles dafür getan hat. Das Ergebnis unserer Arbeit werden wir am Sonntag sehen.